Interview mit NDR Kultur vom 14.11.2017
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Künstliche Intelligenz: „Ich bin zwiegespalten“

Künstliche Intelligenz kann alles – könnte man meinen: Sie schreibt überzeugende Fußballberichte, malt Rembrandt-ähnliche Bilder, entwickelt erfolgreiche Fernsehserien. In unserer NDR Debatte wollen wir wissen, wie Künstliche Intelligenz unsere Kultur und Kunst beeinflusst, ihre Produktion und ihren Markt. Ein Experte auf diesem Gebiet ist Holger Volland: Er leitet das Business Development bei der Frankfurter Buchmesse und hat die digitale Kreativ- und Kulturmesse „The Arts+“ mit gegründet. Die fand in diesem Herbst zum zweiten Mal statt und versteht sich als „Business-Inkubator für kreative Leute“.

Herr Volland, was heißt „Business-Inkubator“? Bringt die Digitalisierung neue Kunst- und Geschäftsbereiche hervor? Welche?

Holger Volland © Frankfurter Buchmesse Fotograf: Alexander Heimann

Holger Volland

Holger Volland: Die Digitalisierung in Kunst und Kultur bringt natürlich neue Geschäftsbereiche hervor, denn es prallen zwei Welten aufeinander, die bisher wenig miteinander zu tun hatten. Das ist einerseits die Welt der Technologie, das sind Unternehmen wie Google, Facebook oder IBM mit der Künstlichen Intelligenz Watson. Diese Unternehmen sind sehr innovativ, haben fantastische neue Produkte in den letzten Jahren entwickelt und gehen sehr weit, was Forschung und Entwicklung von Künstlicher Intelligenz angeht.

Auf der anderen Seite haben wir den Kulturbetrieb, der einerseits eine öffentliche Funktion hat: Er dient unserer Gesellschaft dazu, dass sie sich erinnern kann, dass sie ihr kulturelles Erbe bewahren und weiterentwickeln kann. Er dient auch dazu, dass Künstler in ihren Ausdrucksformen die Entwicklungen infrage stellen können. Diese beiden Welten prallen seit einigen Jahren aufeinander, und bei diesem Urknall entsteht ganz viel Neues. Das können spannende neue Geschäftsfelder sein. Wenn Sie z.B. daran denken, dass Museen sich im virtuellen Raum darstellen können, dass mit Google Arts & Culture das größte virtuelle Museum der Welt in den letzten Jahren entstanden ist, dass man mit Virtual Reality und mit Augmented Reality neue künstlerische Erfahrungsräume schaffen kann, die einerseits Künstler nutzen, die andererseits uns als Rezipienten dabei helfen können, Kunst ganz neu zu erleben.

 

Andererseits führt es auch zu einigen Problemen, denn es prallen auch zwei Systeme aufeinander: das eine sehr schnell, sehr aktiv, sehr geschäftsgetrieben – und das andere eher ein bisschen traditioneller, langsamer, mit einem Hintergrund, der hunderte von Jahren alt ist. In unserem „Arts+“ wollen wir helfen, diesen Prozess zu moderieren, indem wir den beiden Welten jeweils einen Einblick in die Arbeitsweise der anderen Welt geben wollen. Wir schaffen viele Räume, bei denen sich die Künstler mit den Technologen treffen können, um gemeinsam neue Produkte zu eruieren, aber auch um neue Produkte zeigen zu können.

Sie haben ein Buch geschrieben, das am 12. Februar im Beltz-Verlag erscheinen wird: „Die kreative Macht der Maschinen“. Worauf zielt Ihr Buch? Worin besteht diese Macht?

Volland: Sie haben erwähnt, dass Roboter mittlerweile malen können wie Rembrandt, dass Algorithmen Bach-Kantaten komponieren können, dass Roboter Manifeste verfassen können. Das sind kreative Leistungen von einer Qualität, die kaum oder gar nicht mehr unterscheidbar ist von der Qualität ähnlicher kreativer Leistungen, die vom Menschen geleistet werden. Aber es gibt einen großen Unterschied: Denn das Ergebnis einer kreativen oder künstlerischen Leistung ist nicht zu verwechseln mit dem Prozess. Wir sehen wunderbare Ergebnisse – wenn wir uns aber anschauen, wie der Prozess funktioniert, dann ist er massiv verkürzt. Im künstlerischen und im kreativen Prozess selbst, wenn wir als Menschen kreativ werden, steckt aber ganz viel Potential, es steckt ganz viel darin, was wir als Menschen brauchen, um uns selbst persönlich, aber auch unsere Gesellschaft weiterentwickeln zu können.

 

Was ich in meinem Buch versuche darzustellen, ist, dass wir diesen Versuchungen des schnellen und leichten Ergebnisses durch die Unterstützung von Künstlichen Intelligenzen nicht einfach so erliegen dürfen. Wir dürfen es natürlich nutzen, wir müssen es sogar nutzen, denn wir leben in einer Welt, in der Künstliche Intelligenz eine massive Rolle spielen wird, und wir müssen alle lernen zu verstehen, wo sie diese Rolle spielt. Wir dürfen aber nicht verwechseln, dass das, was die Künstliche Intelligenz am Ende hervorbringt, immer auch darauf basiert, was Menschen vorher schon einmal kreativ erarbeitet haben. Ich möchte einerseits ein bisschen davor warnen, das alles allzu toll zu finden, andererseits möchte ich auch zeigen, was es Fantastisches gibt. Ich bin selber sehr zwiegespalten: Ich freue mich über Roboter, die Manifeste schreiben können – und wenn ich dem Roboter zuschaue, dann gruselt es mich auch ein bisschen. Ich denke immer: Wohin führt das, wenn ich als Mensch nicht mehr weiß, was von einem Algorithmus und was von einem Menschen verfasst ist?

Das Probelm ist auch, dass sofort Fragen nach geistigem Eigentum auftauchen. Man fragt sich, ob nicht dieser Begriff generell obsolet wird, wenn Maschinen kreativ werden.

Volland: Das ist eine sehr gute Frage, die sehr vielschichtig ist. Denn das geistige Eigentum kann ja einerseits in der Software bestehen, also im Algorithmus selbst, denn der ist auch geistiges Eigentum, das einer Firma gehört. Das, was dieser Algorithmus verfasst, malt oder schreibt, ist auch geistiges Eigentum, bei dem wir nicht wissen, ob das dem Urheberrecht unterliegt, was wir damit überhaupt tun dürfen, wer damit etwas tun darf. Darüberhinaus haben wir noch ganz viele andere Probleme, auf die wir noch nicht vorbereitet sind.

Eine Frage, die momentan überall auftaucht, ist: Wer darf das Kulturerbe der Menschheit nutzen, um es an Künstliche Intelligenzen zu verfüttern? Viele Firmen wie Google oder Facebook füttern ihre Künstlichen Intelligenzen mit Romanen, mit Bildern, mit den großen Gemälden aus den Museen. Das tun sie einerseits, damit diese Künstlichen Intelligenzen etwas lernen, andererseits weil durch den Vergleich von all diesen Arbeiten Metawissen entsteht. Dieses Metawissen gehört aber nicht mehr den Institutionen, die das „Futter“, die Gemälde, die Gedichte, die Bücher derzeit hegen und pflegen, sondern dieses Wissen ist momentan in den Rechnern der Technologieunternehmen vorhanden. Was machen wir mit diesem Wissen? Wie sehr muss es mit dem Originalwerk verbunden sein? Das sind Fragen, die noch nicht beantwortet sind, die sich derzeit aber vor allem Kulturinstitutionen und die Politik stellen müssen.

Das Interview führte Natascha Freundel.

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