HolgersBlog

Auf der letzten Buchmesse war ein Roboter zu Gast. Er spuckte minütlich neue kulturpolitische Manifeste aus. Viele davon waren gar nicht so schlecht, und so konnte man vor Ort meist durchaus polarisierend die Rolle kreativer Maschinen diskutieren. Jede Branche hat mittlerweile mit künstlicher Intelligenz etwas zu tun, da bilden kreative wie die Verlagswelt keine Ausnahme. Denn KI-Texte sind längst verbreitet: maschinenverfasste Sportergebnisse, Katalogtexte, Bot-Nachrichten bei Facebook begegnen uns täglich. Auch erste Romane und Drehbücher kommen schon aus dem neuronalen Hirn von Algorithmen, sind stilistisch aber noch grottenschlecht. Bis zum ersten Maschinen-Bestseller vergehen sicherlich noch Jahre. Bei Wissenschafts-, Bildungs- oder Datenbankpublikationen hingegen fällt die Prognose deutlich kürzer aus.

Ob es uns gefällt oder nicht, schon heute wird unser Leben von künstlichen Intelligenzen beeinflusst, denn der Datenstrom unserer Zeit ist ohne sie nicht mehr zu durchdringen. Und wir füttern sie weiter und laden jeden Tag 160 Millionen Bilder über Instagram und Facebook, 430.000 Stunden Videos bei YouTube und Milliarden Zeilen Text hoch. Das Potenzial für positive wie auch albtraumhafte Erkenntnisse aus der Analyse diese KI-Futters ist dabei gigantisch: Die gleiche Technologie erkennt Krankheiten schon im Frühstadium auf einem Röntgenbild oder psychische Störungen in frei verfügbaren Instagram-Profilen. Und auch die Manipulation von Fotos, Texten, Gemälden, gesprochener Sprache, ja selbst Videos ist derzeit wichtigster Fortschritt der Technologieentwicklung. Künstliche Intelligenz ist heute kreativer als man es je erwartete!

Die Kluft zwischen Technologie und Kultur wird immer größer

Die Kluft zwischen Technologie und Kultur wird immer größer

Und dennoch: Die wenigsten Menschen beschäftigen sich ausreichend mit dieser Entwicklung. Manche folgen ihr begeistert. Andere fühlen sich ohnmächtig, wütend oder ignorieren sie. Die meis­ten fühlen sich abgehängt. Zu schnell, mit exponentiellem Wachstum, erfolgen technische Durchbrüche. Unser Verstehen hinkt meilenweit hinterher, ganz zu schweigen von der Bewertung gesellschaftlicher oder psychologischer Auswirkungen. Die Kluft zwischen Technologie und Gesellschaft wird dadurch immer größer!

Das schadet Unternehmen und Menschen gleichermaßen. Es ist deshalb unsere wichtigste Aufgabe uns mit Wissen und Szenarien möglicher Zukünfte zu versorgen. Wer wäre dafür besser geeignet als Kulturschaffende? Museumsmacher, Buchhändlerinnen, Künstler, Autorinnen und Journalisten, Theater- oder Filmemacherinnen – sie können aufgeklärte und wichtige Fragen an die Technologieunternehmen, die Politik und die Gesellschaft stellen. Sie können besser als jeder andere diese wachsende Kluft sichtbar machen, denn genau das kann Kultur: Ideenfelder aufmachen, Möglichkeiten visualisieren, verbalisieren und so die Menschen mit Herz und Verstand erreichen. Außerdem geht es in der aktuellen KI-Entwicklung um die ureigenen Felder menschlicher Kultur: Sprache, Bilder, Kreativität.

Kreative künstliche Intelligenz wird weitreichendere Auswirkungen haben als Gentechnik oder Atomkraft. Die Kultur kann es sich deshalb nicht leisten, sie als Nischenthema der Technologen abzutun. Auch die Technophobie düsterer Verschwörungstheoretiker hilft nicht weiter. Nur aufgeklärte Menschen können entscheiden, welche Entwicklungen sie wollen und welche nicht. Die Politik muss ihren Technologieschlaf beenden und Diskussionsplattformen eröffnen. Die Wirtschaft muss Transparenz schaffen, damit Kunden entscheiden können, wann sie KI-Entscheidungen akzeptieren. Doch die Kultur muss es erreichen, dass sich all jene damit beschäftigen, die heute bereitwillig ihre Daten bereitstellen, ohne zu wissen, welche Geheimnisse Maschinen darin entdecken können. Unsere Branche kann besser als jede andere Aufklärung bewirken. Und diese ist der wichtigste Schlüssel für eine kulturelle Technologiedebatte.

Dieser Beitrag erschien in einer ersten Version im Börsenblatt print und online vom 15.2.2018