HolgersBlog

Der aktuelle Skandal um facebook und Cambridge Analytica zeigt es recht deutlich: Die Möglichkeiten der Meinungsmanipulation sind durch die massenhafte Verwendung psychologischer Auswertungen von Social-Media Daten enorm gewachsen. Seit dem Trump-Wahlkampf in den USA wissen wir jetzt um die große manipulative Kraft einer Kommunikation, die unter anderem auf computer-generierten Texten und durch Künstliche Intelligenz personalisierten Botschaften basiert. So setzte das Team des Republikaners ein komplexes Netz von sozialen Medien, individuell generierten Botschaften und Bots im Wahlkampf ein. Dieser Wahlkampf wurde erstmals durch Künstliche Intelligenz geprägt und vielleicht sogar deshalb gewonnen.

Die Maschinen beziehungsweise ihre Betreiber wussten genau über die Wähler Bescheid, an die sie ihre Botschaften schicken sollten: Politische Haltung, Interessen oder Befürchtungen hatten die Menschen durch ihr Verhalten im Netz selbst bekannt gegeben. Sie verteilten Likes unter politischen Botschaften bei Facebook, leiteten bei Twitter Nachrichten über angebliches Fehlverhalten von Kandidaten weiter oder folgten einfach nur den Social-Media-Kanälen von bestimmten Organisationen und Personen. Mit diesen Informationen konnten dann Bots ganz gezielt über soziale Medien die passenden Botschaften formulieren und absenden. (Aus: Die kreative Macht der Maschinen, S.125)

Die 4 Akteure

Damit solche Manipulationen die gewünschte Wirkung entfalten, braucht es vier Arten von Akteuren:

1. Der Empfänger. Das sind wir Nutzer, an die sich die Botschaften richten. Doch haben wir eine besondere Doppelrolle. Denn wir sind nicht nur Adressat. Über die Bereitstellung unserer Social-Media-Profile und -Daten schaffen wir vielmehr selbst den Datenpool, aus dem sich erst das nötige Wissen über Manipulationsmöglichkeiten erschliessen lässt. Durch unsere Postings offenbaren wir unsere Persönlichkeit und werden so verwundbarer.

2. Der Analyst. Das Geschäftsmodell von Cambridge Analytica besteht zum großen Teil darin, aus Daten Psychogramme zu erstellen und diese dann Unternehmen zur effektvollen Kommunikation zur Verfügung zu stellen. Das funktioniert erstaunlich gut mit den von uns massenhaft umsonst bereit gestellten Daten aus Posts, dümmlichen Gewinnspielen oder Online-Persönlichkeitstests.

3. Der Auftraggeber. Trumps Wahlkampfteam hatte es begriffen (Obama hatte dafür übrigens in seinem letzten Wahlkampf bereits die Grundlagen gelegt): Wissen über die Wähler ist der Schlüssel zur Macht. Erst durch die ganz gezielte Verknüpfung von Botnetzwerken, dem Analystenwissen und den eigenen Botschaften konnte so maximale Effektivität in der Wähleransprache erreicht werden.

4. Die Plattform. Dass sich facebook jetzt als Opfer darstellt ist absurd. Die Plattform lebt davon, dass sie das Nutzerverhalten in ihrem Sinne beeinflusst. Das macht das Unternehmen erstens durch die Manipulation der Nutzungsintensität: Je länger wir bleiben, desto höher die Werbeeinnahmen. Und zweitens beeinflusst facebook seine Nutzer mittels Erkenntnissen über deren psychische Verfassung, wie wir spätestens seit Ende 2017 wissen. Da wurde bekannt, dass Werbekunden der Plattform gezielt der Zugang zu Teenagern angeboten wurde, die sich „insecure“ oder „worthless“ fühlen.

Die amerikanische Autorin und Universitätsprofessorin Zeynep Tufekci mutmaßt allerdings noch viel perfidere Aktivitäten. So erzählte sie im Interview, dass politische Parteien in Social Media ganz gezielt unter den Anhängern des gegnerischen Lagers nach Menschen mit einer depressiven Grundstimmung suchen könnten. Am Wahltag bekämen diese Menschen vor allem Nachrichten und Botschaften zugespielt, die ihre psychische Stimmungslage negativ beeinflussen. So sorgten die Kommunikations-Bots dafür, dass die Wähler daheimblieben und ihre Stimmen für den gegnerischen Kandidaten verloren waren. (Aus: Die kreative Macht der Maschinen, S.125)

(Bild: Zonde achtervolgd door drie mannen, Jan Luyken, 1687, Rijksmuseum)