Beitrag für Bookbytes des Börsenblattes

Die Verlage stecken in einem Dilemma: Keine Ressourcen, sich mit KI zu beschäftigen, obwohl das Veränderungspotenzial als riesig eingeschätzt wird. „Am Ende könnte das dazu führen, dass nicht Branchenexperten über die Zukunft der Branche entscheiden, sondern Technologieunternehmen“, meint KI-Experte Holger Volland.

Vor ein paar Tagen schien in London das Unmögliche möglich zu werden. Schuberts „Unvollendete“ war von einer Künstlichen Intelligenz der chinesischen Firma Huawei nach 197 Jahre aus ihrem unfertigen Zwischenleben erlöst und – nun ja – vollendet worden. Bei einem festlichen Konzert in der Cadogan Hall präsentierte ein Orchester die neue Sinfonie in h-Moll 759 D dem staunenden Publikum und der Weltpresse.

Und sofort brandete heftig die Diskussion auf, ob Maschinen kreative Leistungen ähnlich gut erbringen können, wie Menschen. Ja, viele fragen sich sogar, ob Algorithmen eines Tages die neuen Schöpfer der Welt werden können.

Dieses Beispiel zeigt recht gut, worin das Problem der derzeitigen Diskussion über Künstliche Intelligenz und ihren Einfluss auf die Gesellschaft liegt: kurzfristig erregen wir uns über jeden KI Publicity-Stunt und sehen Go-spielende, Sinfonien-komponierende und Rembrandt-malende Algorithmen gern als Vorboten der Silicon Valley Zukunftshölle – in einer Reihe mit Hyperloops und Marskolonien. 

Langfristig allerdings unterschätzen wir die wirklich umwälzende Macht der Algorithmen auf die vielen Systeme, die unsere Gesellschaft am Laufen halten kolossal: Finanzen, Energie, Gesundheit, Politik und Medien.

Diese Einschätzung wird bestätigt durch einen ersten Blick in die Ergebnisse der noch laufenden Befragung „Deep Waters of Deep Learning“ von Frankfurter Buchmesse und Gould Finch. Mit der weltweiten Untersuchung wollen wir genauer herausfinden, wie weit sich die Verlagswelt bereits mit KI und Maschinenlernen beschäftigt und wo die wichtigsten Anwendungsfelder gesehen werden: http://publishing.gouldfinch.com

Auch wenn die Befragung noch läuft, zeigt sich schon jetzt, dass die meisten Verlage bei sich aktuell weder genug Expertise noch genug Ressourcen finden, um sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das ist umso problematischer, als das zukünftige Veränderungspotential hingegen von der Mehrheit der Befragten als riesig eingeschätzt wird. Vor allem Marketing und Vertrieb, aber auch die Erstellung und die Kuratierung von Inhalten werden als wichtige Anwendungsfelder von Verlags-KI genannt. Doch wo sollen die Expertinnen in der Zukunft alle herkommen, wenn sich derzeit niemand mit dem Thema beschäftigen kann/will/darf? Am Ende könnte das dazu führen, dass nicht Branchenexperten über die Zukunft der Branche entscheiden, sondern Technologieunternehmen. Es wäre daher sicherlich klug für Verlage und Handel, sich jetzt schon gründlich mit dem Thema KI aus langfristiger Perspektive auseinanderzusetzen.

Denn eines ist sicher: zukünftig werden Algorithmen einen großen Einfluss auf die Inhalte unserer digital geprägten Medienwelt haben. Ob sie dabei allerdings den kreativen Part übernehmen werden, ist noch nicht ganz ausgemacht. Auch das Beispiel von HUAWEI taugt diesbezüglich leider nicht als Zukunftsbeweis. Denn sieht man genauer hin, ist das Ganze vor allem eine Marketingaktion des Technologieunternehmens, das derzeit in der westlichen Welt unter Kritik steht. Denn tatsächlich analysierte eine KI der Firma vor allem Klangfarbe, Tonhöhe und Taktmuster der ersten beiden Sätze von Schuberts Sinfonie und berechnete anschließend Melodieschnippsel für die fehlenden dritten und vierten Sätze. Eine Melodie ist aber natürlich noch lange keine Sinfonie. Die Orchester-Partitur kam dann auch vom menschlichen Komponisten Lucas Cantor.