HolgersBlog

In meinem Buch schreibe ich über mögliche Manipulationen durch holographische Stars wie Hatsune Miku oder den virtuellen Erdogan noch sehr in der Möglichkeitsform. Doch, wie so oft in letzter Zeit, holt die chinesische Realität die kühnsten Science-Fiction Szenarien ein. China setzt nun tatsächlich Hologramm Stars ein, um die Jugend zu beeinflussen und ihnen „positive Werte zu vermitteln“.

Luo Tianyi, einer der großen medialen chinesischen Jugendstars ist nicht menschlich, sondern eine rein holographische Darstellung. Sie hat eine Fanbase von mehreren Millionen Followern und so wurde auch die kommunistische Jugend-Parteiorganisation auf sie als mögliches Testimonial  aufmerksam. Das Hologramm, Chinas erster virtueller Gesangsstar, ist mittlerweile Werbefigur für Konsumgüter ebenso, wie für staatliche Organisationen, die es benutzen, um damit zeitgemäße und poppige Propaganda zu betreiben.

Im folgenden Neujahresvideo allerdings werden, soweit ich das verstehe, keine politischen Botschaften versteckt. Es zeigt aber recht gut, wozu Hologramme heute schon in der Lage sind. Zu Live-Auftritten beispielsweise…

 

 

Wird aus solchen hypermedialen Liveauftritten nicht sofort ein Albtraum, wenn wir den Musiker auf der Bühne austauschen gegen einen Politiker? „Das ist weniger weit hergeholt, als es klingt, denn auch der Politik ist nicht entgangen, dass aufsehenerregende Inszenierung und beliebige Vervielfältigung von Auftrittsmöglichkeiten durchaus ihre Vorzüge haben können. Der Begründer der Massenpsychologie Gustave Le Bon untersuchte schon 1895, wie man Menschenmengen beeinflussen kann und welche Eigenschaften die Führer dieser Massen besitzen müssen. Als eine der wichtigsten benennt er den »Nimbus«. Dieser entsteht durch Erhöhung einer Person und durch Legendenbildung. Was dabei hilft, sind suggestionsstarke Auftritte und hypnotisierende Inszenierungen, deren Wirkung keine Menschenmasse widerstehen kann. Le Bons Theorien haben seit über hundert Jahren Bestand und viele, meist unrühmliche Politiker haben sich höchst erfolgreich an seine Regeln der Massenpsychologie gehalten.

Derart kraftvolle Inszenierungen der eigenen Übermenschlichkeit sind natürlich auch für popularitätsbetonte Politiker vom Schlage des türkischen Staatsführers Recep Tayyip Erdoğan interessant: Er ließ sich als holografische Simulation in eine Parteiversammlung in Izmir hineinzaubern, während sein reales Ich zeitgleich mit anderen Dingen wie etwa Korruptionsvorwürfen beschäftigt war. Eingeleitet wurde sein Auftritt mit einem Lichteffekt, der an das Beamen aus der alten Serie Star Trek erinnerte. Die Botschaft war klar: Erdoğan ist so groß, so mächtig, so übermenschlich, er beugt selbst die Gesetze der Physik.“

Auszug aus „Die kreative Macht der Maschinen“