HolgersBlogHolger Volland © Bernd Hartung

Da liegt es auf dem Küchentisch. Fast 253 Seiten. 464 Gramm. Riecht unauffälliger, als ich dachte. Ich schleiche drumherum. Seit heute ist mein Buch „Die kreative Macht der Maschinen“ im Handel zu haben. Auf diesen Moment habe ich in den letzten Wochen nach Abgabe des Manuskriptes hin gefiebert. Ich freue mich unglaublich! Und doch habe ich jetzt, da es vor mir liegt, einen ziemlichen Respekt davor, mein erstes Exemplar zu öffnen. Finde ich gleich auf der ersten Seite einen Rechtschreibfehler? Gefällt mir der Titel? Vor allem aber: Findet es seine Leser und wird es diesen gefallen?

Wer sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt, bejubelt die Technologie entweder (beseitigt Krankheit und Hunger, macht Weltfrieden) oder verdammt sie (tötet uns, vernichtet Arbeit, macht heimlich Videos von uns auf dem Klo). Ich war mir nie so sicher, ob KI eher Heilsversprechen oder Teufelszeug ist. Aber woher nahm ich den Größenwahn, ein eigenes Buch darüber zu verfassen, nachdem sich Informatiker, Arbeitswissenschaftler und Philosophen schon an das Thema gemacht haben? Wieso habe ich ein Jahr lang jedes Wochenende und jeden Abend am Rechner geschwitzt, um über ein Thema zu schreiben, zu dem vermeintlich schon Vieles gesagt ist?

Der Grund dafür sind zwei Erkenntnisse, die mir ein junger Mann mit Hut in einer nächtlichen Messehalle vor wenigen Jahren verschaffte.

Die zwei Erkenntnisse

Es war der Abend vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. An den Ständen brachten Handwerker hektisch die letzten Schilder an. Aussteller füllten ihre Regale und riefen dabei ihren Kollegen quer über die Gänge letzte Neuigkeiten zu. Ich hingegen stand ganz still im Areal von THE ARTS+ und war fassungslos. Denn vor mir stand, vom hellen Arbeitslicht der Messehalle perfekt ausgeleuchtet, ein Gemälde von Rembrandt. Darauf abgebildet war ein Mann mit Hut und Bart. Seine offenen braunen Augen blickten mich scheinbar direkt an und sein Mund war leicht geöffnet, als ob er gleich ein paar Worte in altem niederländischen Dialekt an mich richten würde. Seine Kleidung und sein Hut strahlten Luxus und Macht aus. Je länger ich ihn ansah, umso lebendiger wirkte der Mann auf mich. Hatte nicht sein Mund mittlerweile einen leicht spöttischen Zug angenommen? Konnte es sein, dass sich dieses Bild gerade darüber lustig machte, dass ich es so fasziniert anstarrte? Nie zuvor war ich einem Rembrandt so nahegekommen.

© The Next Rembrandt

Eine der Vorlagen, von denen die KI gelernt hatte, wie ein Farbrelief aussieht. © The Next Rembrandt,

Doch dieses Werk, das alle Merkmale eines Rembrandt Gemäldes aufweist – von der Farbgebung über den Pinselstrich bis hin zur lebhaften Darstellung von Gefühlen – ist eine ziemlich junge Arbeit. Sie ist mehr als 340 Jahre nach Rembrandts Tod entstanden. Und auch den Porträtierten konnte Rembrandt van Rijn selbst nie gesehen haben, da er nie real existiert hat. Ausgedacht hat sich diesen Mann vielmehr eine Kreative Künstliche Intelligenz, die auch Bildkomposition, Lichtsetzung, ja sogar die Gestaltung des Gesichtsausdruckes übernommen hatte. Die Algorithmen hatten sich durch die Analyse vieler Porträts selbst beigebracht, wie der Maler Augen, Ohren oder Münder gestaltete, wie er Licht und Schatten verwendete oder gezielt Kleidungsstücke einsetzte. Nach diesem Lernprozess ist sie jetzt in der Lage, selbständig beliebig neue Porträts im Stile des Meisters zu entwerfen.

Ich schaute dem jungen Mann mit Hut nochmals tief in die spöttischen Augen. Warum beunruhigte mich dieses Bild nur so sehr? Da ging mir plötzlich auf, was an dieser Arbeit so berührend war: Sie war das deutliche Zeichen dafür, dass sich Maschinen ab jetzt aktiv in unsere menschliche Kultur einmischen werden. Kultur, das ist die DNA unserer Gesellschaft. Kultur ist das, was uns als Individuen mit Anderen über Sprache, Bilder und Geschichten verknüpft. Kultur ist die menschlichste Errungenschaft überhaupt.
Das heißt aber auch, dass dieses Thema der Kreativen Künstlichen Intelligenzen jeden etwas angeht und nicht nur Fachleute, wie Techniker, Philosophen oder Arbeitswissenschaftler.

KI muss Allgemeinwissen werden

In diesem Moment in der nächtlichen Messehalle wusste ich, was zu tun war: Ich wollte erstens ein Buch darüber schreiben, wie KI unsere Sprache, unsere Bilder, unsere Geschichte, unsere Kultur und damit unser Menschsein beeinflusst. Und zweitens wollte ich das Buch so verständlich schreiben, dass alle Hintergründe, Gefahren und Möglichkeiten für jede Leserin und jeden Leser deutlich werden. Denn wenn KI Einfluss auf unser Menschsein hat, darf sie kein Fachthema mehr sein, sondern muss Allgemeinwissen werden!