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Holger Volland im Gespräch mit Stephan Karkowsky. Können Maschinen Kunst? Nicht wirklich, aber sie können so tun, als ob. Und das so perfekt, dass wir irgendwann glauben, dass sie Kunst können. Auch menschliche Kreativität ist oft nur imitiert, sagt Holger Volland, Experte für Künstliche Intelligenz.

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Stephan Karkowsky: Künstliche Intelligenz kann fast alles so gut wie der Mensch außer Kunst, heißt es. Zumindest sind noch keine großen Roboterkomponisten bekannt, und es sind noch keine Algorithmen aufgetaucht als Autoren in der „Spiegel“-Bestsellerliste.

Immerhin sitzt ab nächster Woche eine lebensgroße Androidin in einer Galerie in Oxford und zeichnet dort Porträts der Gesichter, die es mit Hilfe von Chips in seinen Kameraaugen wahrnimmt. Aber ist das schon Kunst?

Fragen wir Holger Volland, den Gründer des digitalen Kulturfestivals THE ARTS+ und Autor des Buches „Die kreative Macht der Maschinen“. Ist nicht eigentlich genau das Kreative, das Sie in Ihrem Buchtitel führen, das, was den Maschinen fehlt, weswegen sie nie so geniale Künstler werden können wie die Menschen?

Holger Volland: Das ist natürlich eine wunderbare Frage, denn an der Kreativität macht sich momentan die größte Angst fest, die wir auch vor Maschinen haben, die in diesem Bereich wildern, denn bislang war Kreativität immer das, was wir nur dem Menschen vorbehalten haben, was uns fast gottgleich quasi zu Schöpfern unserer Welt gemacht hat.

Jetzt tauchen Maschinen auf, die musizieren, die Filme schneiden, die Bücher schreiben, und es liegt natürlich nahe zu glauben, dass diese Maschinen damit auch kreativ sind.

Menschen- und Maschinen-Kunst haben die gleiche Wirkung

Karkowsky: Sind Sie es nicht?

Volland: Ich glaube, sie sind es nicht. Man streitet sich momentan noch drüber. Meiner Meinung nach sind diese Maschinen vor allem in der Lage, menschliche Kreativität perfekt zu imitieren und etwas zu erzeugen, das man natürlich auch für kreativen Output halten kann.

Das Interessante daran ist aber, glaube ich, weniger, ob die Maschinen wirklich kreativ sind, sondern das Interessante ist, dass die Wirkung dieser Kreationen auf uns vollkommen identisch ist zur Wirkung von menschlichen Kreationen.

Also ganz konkret: Wenn wir Musik hören, die uns traurig macht, dann macht uns diese Musik traurig, ob sie von einer KI komponiert wurde oder von einem Menschen.

Karkowsky: An welche Maschinenkünstler denken Sie, wenn Sie sagen, es gibt welche, die uns nahezu perfekt die Illusion vermitteln, sie wären kreativ?

Volland: Also es gibt ein Werk, was mittlerweile dreieinhalb Jahre alt ist: „The Next Rembrandt“ heißt das, und das ist ein Porträt im Stile von Rembrandt gemalt.

Das Ganze stammt aus einer KI, die erzeugt wurde von Museen und von Technologieunternehmen, und diese KI wurde trainiert anhand von existierenden Rembrandt-Porträts und hat es so möglich gemacht, ein neues Porträt zu schaffen.

Der abgebildete Mann darauf, den gab es gar nicht, den hat sich die KI ausgedacht. Die Malweise hat sie perfekt imitiert, und das, was jetzt so vor uns steht, wenn wir es in einer Ausstellung sehen, sieht aus wie ein Rembrandt, es fühlt sich sogar so an wie ein Rembrandt, weil dieser Pinselstrich auch in 3-D modelliert ist. Es ist aber kein Rembrandt. Also das finde ich ein sehr, sehr schönes Beispiel immer noch dafür, wie leistungsfähig Algorithmen mittlerweile sind.

Maschinen lernen wie Menschen 

Karkowsky: Aber was meinen Sie mit dem Mann, der dort abgebildet wird, hat sich die KI ausgedacht? Sie muss ja irgendwo ein Vorbild haben, um überhaupt ein menschliches Gesicht erschaffen zu können, und das haben ja wiederum Menschen einprogrammiert.

Volland: Na ja, man muss sich das so vorstellen, so eine Maschine lernt, wie wir Menschen auch lernen. Also wenn Sie einem kleinen Kind verschiedene Stücke Obst zeigen, dann wird es irgendwann begriffen haben, wie eine Banane aussieht, wie ein Apfel aussieht.

Letztlich ist es mit Maschinen nichts anderes, und so eine Maschine, der Sie Hunderte von Porträts gezeigt haben und gesagt haben, das ist ein menschliches gemaltes Porträt, das ist ein Gesicht, dann lernt die Maschine daraus zu extrahieren, was sind die Regeln, wie ich ein Gesicht male, und das macht sie dann auch.

Karkowsky: Ist es schon das, was man Deep Learning nennt?

Volland: Deep Learning bezeichnet einen Teil des Maschinenlernens, der deswegen Deep heißt, weil man unglaublich komplizierte neuronale Netze braucht, um einer Maschine beizubringen, zum Beispiel wie so ein Rembrandt-Gesicht aussieht.

Man muss sich das Deep Learning so vorstellen, dass in einer Abfolge von Netzknoten, wie in unserem Gehirn, verschiedene Signale verarbeitet werden. Am Anfang steht vielleicht so ein einfaches Signal wie hell oder dunkel, und am Ende steht dann so ein Signal wie: Ist das jetzt ein glaubwürdiges menschliches Gesicht oder nicht. Sie können sich vorstellen, dass dazwischen unendlich viele, Millionen sogar, von diesen Synapsen, von diesen künstlichen Synapsen, liegen.

„Auch wir kopieren uns die ganze Zeit selbst“

Karkowsky: Aber im Prinzip bleiben Maschinen doch die Summe dessen, was Menschen ihnen einprogrammieren. Halten Sie es für eine Arroganz von uns Menschen, zu glauben, dass wir mehr sind als nur die Summe unseres Inputs?

Volland: Das ist eine sehr gute Frage, denn auch wenn wir uns ansehen, wovon zum Beispiel Künstlerinnen und Künstler inspiriert werden, wenn sie Werke schaffen, dann sehen wir natürlich, dass es ganz oft auch Kopien dessen sind, was wir vorher an Kunst uns angesehen haben, was wir untersucht haben.

Die wirklich eigenständigen Arbeiten, die Arbeiten, bei denen jemand einen Regelbruch begeht, bei dem jemand Chaos erzeugen will oder etwas ganz Neues erzeugen will, diese Arbeiten sind relativ selten tatsächlich. Auch wir kopieren uns die ganze Zeit selbst.

Der Mensch hat Inspiration und Intention

Karkowsky: Man könnte natürlich auch argumentieren von Duchamps Readymades über Fluxus bis hin zu Joseph Beuys, alles ist Kunst, aber das ist, glaube ich, gar nicht, worum es hier geht. Ich halte es für ausgeschlossen, dass eine KI für sich behauptet, seht her, was ich schaffe, das ist Kunst. Es fehlt ihr das Bewusstsein, um das zu sagen, oder?

Volland: Das ist komplett richtig. Ich glaube, das unterscheidet auch Maschinen von Künstlern am meisten, dass ein Künstler den Drive hat, etwas zu schaffen. Er hat Inspiration, der bringt seine Persönlichkeit mit ein, der hat eine Intention, die der Kunst zugrunde liegt.

Eine KI hat nie diese Intention, und sie bringt auch nie Persönlichkeit mit ein. Eine KI wird einfach nur trainiert anhand von Beispielen und kann dann diese Beispiele sehr, sehr gut imitieren, sodass wir, wie gesagt, leicht drauf reinfallen.

Karkowsky: Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass sich die Technik irgendwann so weit entwickelt, dass wir tatsächlich die Kunst einer KI als eigenständige Kunst werten eines Tages. Wie würde das unser Selbstbild verändern?

Volland: Man kann davon ausgehen, wenn eine Maschine in der Lage ist, wirklich eigenständig kreativ zu sein und auch kreativ sein zu wollen, dann hat sie zumindest einen großen Schritt gemacht in Richtung der starken Intelligenz. Dann stehen wir als Menschen natürlich vor ganz neuen Problemen. Wir müssen sehr, sehr viele Dinge neu beurteilen und müssen lernen, in einer Welt zu leben, die von Menschen genauso wie von Maschinen beherrscht wird.

Karkowsky: Der erste Weg für künstliche Künstler wäre also, uns Kreativität vorzugaukeln, bis wir es glauben. Der zweite wäre tatsächlich, etwas wie ein Bewusstsein so perfekt zu imitieren, dass wir denken, jawohl, da steckt was drin, was lebt?

Volland: Genau so ist es. Es geht um die Imitation dessen, was wir glaubwürdig dann als Bewusstsein sehen, und dann, wenn diese Imitation so gut ist, dann kann man sich wirklich die Frage stellen, na ja, was unterscheidet uns Menschen an dieser Stelle noch von der Maschine, also wann spielt uns ein anderer Mensch quasi auch nur Bewusstsein vor, weil wir das als Menschen gelernt haben.

Kunstkritik aus der Maschine

Karkowsky: Das finde ich auch gut. Gibt es denn eigentlich schon Künstliche Intelligenzen, die selbstständig Kunstkritiken schreiben können über zum Beispiel Ausstellungen?

Volland: Mir ist noch keine begegnet, das finde ich aber eine sehr spannende Anwendung, denn alles, was man in Daten fassen kann, kann man natürlich so einer KI auch beibringen.

Wenn Sie jetzt zum Beispiel die Bewertung von bestimmten Künstlerinnen oder Künstlern sich ansehen, wie viel Geld wurde für die bezahlt, wie gut haben die sich gehandelt, wie oft waren die auf den großen Messen und Ausstellungen unterwegs, dann können sie natürlich auch sowas wie ein Ranking zwischen diesen Künstlern und ihren Arbeiten erstellen lassen, und ein solches Ranking kann von der Maschine sehr gut bearbeitet werden.

Die Maschine kann auch lernen, wie schreibt man denn eine Kunstkritik. Wir sehen das heute schon an bestimmten Nachrichten, die von Maschinen geschrieben werden. Dann imitiert sie einfach den Stil eines Kunstkritikers und nimmt sich dieses Ranking als Datenbasis vor und, zack, haben Sie eine Kunstkritik aus der Maschine.